Jeder, der öffentliche Verkehrsmittel nutzt, war schon mindestens einmal in einer ungewissen Situation an der Haltestelle. Später Abend, Regen vor dem Fenster oder Lichtreflexionen auf der Windschutzscheibe können die Routennummer unleserlich machen. Wenn ein leerer Bus an der Haltestelle vorfährt, sind viele versucht, einzusteigen und sich erst im Fahrzeuginneren über die Richtung klar zu werden. Erfahrene Fahrgäste raten jedoch zur Vorsicht, und dieser Rat hat durchaus rationale Gründe, die mit Sicherheit, Zeitplanung und den Benutzungsregeln des öffentlichen Nahverkehrs zusammenhängen.
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Der erste und offensichtlichste Grund zur Vorsicht ist das hohe Risiko einer schlichten Verwechslung. Moderne Busse, insbesondere innerhalb einer Stadt oder eines Verkehrsunternehmens, sind oft vereinheitlicht und sehen gleich aus. Bei schlechten Sichtverhältnissen kann man die Linien leicht verwechseln, besonders wenn sich die Nummern nur um eine Ziffer unterscheiden. Ein leerer Wagen entzieht dem Fahrgast die Möglichkeit, sich schnell zu orientieren, indem er einen Blick auf den Fahrschein in der Hand eines anderen Fahrgastes wirft oder zusteigende Personen nach der Richtung fragt. Die Folge könnte sein, dass man in den entgegengesetzten Teil der Stadt fährt und deutlich mehr Zeit für die Rückfahrt aufwendet, als das Warten auf den nächsten Bus in Anspruch genommen hätte.
Der zweite wichtige Aspekt betrifft den Betriebsmodus des öffentlichen Nahverkehrs. Ein leerer Bus auf der Strecke kann bedeuten, dass er seine Schicht beendet und zum Depot oder zu einem Betriebshof unterwegs ist. In diesem Fall wird der Fahrer entweder die Türen gar nicht öffnen oder, selbst wenn er Fahrgäste einsteigen lässt, nach ein paar Haltestellen bekanntgeben, dass der Bus nicht weiterfährt. Eine solche Situation ist nicht nur unangenehm, sondern kann auch mit zusätzlichen Kosten verbunden sein, wenn man umsteigen musste oder einen strengen Zeitplan einzuhalten hatte. Bevor man einsteigt, sollte man sich stets vergewissern, dass der Bus im regulären Linienverkehr unterwegs ist und nicht nur zum Betriebshof fährt.
Besondere Beachtung verdienen auch Überlegungen zur persönlichen Sicherheit. In den Abend- und Nachtstunden kann ein leerer oder halb leerer Busraum zum Schauplatz von Straftaten werden. Zugegebenermaßen verlaufen die allermeisten Fahrten ruhig, doch die Erfahrung zeigt, dass Kriminelle häufiger menschenleere Orte wählen. Das Fehlen anderer Fahrgäste macht einen Menschen angreifbarer. Wenn die Routennummer nicht erkennbar ist und man nicht weiß, wohin das Fahrzeug genau fährt, ist es nahezu unmöglich, das Sicherheitsniveau der Fahrt einzuschätzen.
Schließlich sollte man auch das psychologische Wohlbefinden nicht außer Acht lassen. Eine Fahrt in einem Bus, in den man nach dem Zufallsprinzip eingestiegen ist, ist fast immer von Unruhe begleitet. Man muss ständig Orientierungspunkte überprüfen, angestrengt auf die Haltestellennamen achten und fürchten, die richtige Haltestelle zu verpassen. Dabei ermöglicht das Warten auf den nächsten Bus, auch wenn es länger dauert, Ruhe zu bewahren und die Kontrolle über die Situation zu behalten. Ein paar Minuten Wartezeit an der Haltestelle sind ein geringerer Verlust im Vergleich zu einer Stunde Irrfahrt durch ein unbekanntes Viertel beim Versuch herauszufinden, wo man sich befindet.
Somit ist die Empfehlung, in keinen leeren Bus mit unkenntlicher Nummer einzusteigen, kein Aberglaube, sondern eine Sammlung praktischer Regeln der Verkehrskompetenz. Sie basiert auf der Aufmerksamkeit für Details, dem Verständnis für die Arbeitsweise der städtischen Dienste und der Sorge um die eigene Zeit und Sicherheit. Bevor man den Schritt in den Bus macht, genügt es, einfach näher heranzutreten, Blickkontakt mit dem Fahrer zu suchen oder zu warten, bis der Bus anfährt und sein Routenschild sichtbar wird. Das dauert nur eine Minute, hilft aber, viele Probleme zu vermeiden.
